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Existentialism
Franz Kafka (1883 - 1924)
Der Geier |
Du
hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte,
ich hätte Furcht vor Dir |
Es
war ein Geier, der hackte in meine Fuesse. Stiefel und Struempfe
hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Fuesse
selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um
mich und setzte dann die Arbeit fort. Es kam ein Herr vorueber,
sah ein Weilchen zu und fragte dann, warum ich den Geier dulde.
"Ich bin ja wehrlos," sagte ich, "er kam und fing zu hacken
an, da wollte ich ihn natuerlich wegtrei- ben, versuchte ihn
sogar zu wuergen, aber ein solches Tier hat grosse Kraefte,
auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opferte
ich lieber die Fuesse. Nun sind sie schon fast zerrissen.
"Dass Sie sich so qualen lassen," sagte der Herr, "ein Schuss
und der Geier ist erledigt.a "Ist das so?" fragte ich, "und
wollen Sie das besorgen?a "Gern," sagte der Herr, "ich muss
nur nach Hause gehn und mein Gewehr holen. Koennen Sie noch
eine halbe Stunde warten?" "Das weiss ich nicht" sagte ich
und stand eine Weile starr vor Schmerz, dann sagte ich: "Bitte,
versuchen Sie es fuer jeden Fall." "Gut," sagte der Herr,
"ich werde mich beeilen." Der Geier hatte waehrend des Ge-
spraeches ruhig zugehoert und die Blicke zwischen mir und
dem Herrn wandern lassen. Jetzt sah ich, dass er alles verstanden
hatte, er flog auf, weit beugte er sich zurueck, um genug
Schwung zu bekommen und stiess dann wie ein Speerwerfer den
Schnabel durch meinen Mund tief in mich. Zurueckfallend fuehlte
ich befreit, wie er in meinem alle Tiefen fuellenden, alle
Ufer ueberfliessendem Blut unrettbar ertrank.
Ce
qu'on fait n'est jamais compris mais seulement loué ou blâmé.
Nietzsche, Gay Science |
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